Diabetologie
Adipositas bei Männern: Einstellungen und Problemkonstellationen
Die Prävalenzraten von Adipositas sind bei Männer und Frauen ähnlich, trotzdem werden fast ausschließlich Frauen behandelt. Dies hat mit der unterschiedlichen Selbsteinschätzung und Bewertung durch die Umwelt in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild zu tun. Auch das männliche Selbstbild, gekennzeichnet durch Autonomie, Kontrolle und Stärke, führt dazu, dass Männer sich gar nicht oder sehr spät in eine notwendige professionelle Behandlung begeben.
Über Gewicht spricht man nicht, Übergewicht hat man
Dieser Spruch eines Mannes auf einer Postkarte drückt vieles bezüglich der unterschiedlichen Akzeptanz des Aussehens bei Männern und Frauen aus: Einerseits gehört „ein höheres Gewicht zu haben“ zu einem „richtigen Mann“, andererseits ist dies etwas Selbstverständliches bei einem Mann und keine Störung. Diese Einstellung hängt damit zusammen, dass Männer an sich selbst und die Gesellschaft an die Männer weniger Ansprüche bezüglich des Äußeren stellen als an Frauen. So schätzen sich Männer bei einem bestimmten Übergewicht noch als normalgewichtig ein, während sich Frauen mit dem gleichen Übergewicht schon als zu dick erleben. Obwohl etwa gleich viele Männer wie Frauen übergewichtig oder adipös sind, unterziehen sich Frauen zu etwa drei Vierteln einer konservativen Therapie oder einer bariatrischen Operation, Männer dagegen nur zu einem Viertel. Auch wird übergewichtigen/adipösen Frauen ein größeres Maß an Ablehnung entgegengebracht, was zu Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzsuche führt. Bei Frauen wird Adipositas sehr rasch mit Essstörung gleichgesetzt, während bei adipösen Männern eher angenommen wird, dass sie einfach gerne essen, also Genießer (=Hedonisten) sind.[1]
Nicht jeder Übergewichtige hat eine Essstörung, aber einige Essstörungen lassen sich bei Übergewichtigen bzw. Adipösen gehäuft finden, wobei mit zunehmendem Übergewicht die Wahrscheinlichkeit einer Essstörung steigt:
• „Binge-Eating“-Störung: Diese Essstörung ist durch wiederholte Episoden von „Fressanfällen“ gekennzeichnet, wobei objektiv große Essensmengen innerhalb eines abgrenzbaren Zeitraums konsumiert werden. Während des Essanfalls besteht keine oder nur eine geringe Kontrolle über das Essverhalten. Diese Form der Essstörung kommt vor allem bei stark Adipösen, die professionelle Hilfe aufsuchen, und bei Frauen etwas häufiger als bei Männern vor.
• „Overeaters“: Dabei handelt es sich vor allem um Übergewichtige, die chronisch zu viel essen, vor allem dann, wenn es ihnen schmeckt. In Behandlung begeben sich diese Übergewichtigen erst dann, wenn sie durch zunehmende körperliche Störungen wie z.B. Diabetes mellitus, Herzinfarkt, Bandscheibenleiden usw. gezwungen werden, ihr Gewicht zu reduzieren, oder die körperlichen Einschränkungen sehr stark sind. In dieser Gruppe von Essgestörten findet man vor allem Männer.
• „Night-Eating“-Syndrome: Bei dieser Essstörung erfolgt die hauptsächliche Nahrungsaufnahme in den Abend- und Nachtstunden und ist meist verbunden mit Schuldgefühlen, Anspannung und Gefühlen der Angst während des Essens. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Männer sind eher soziale Esser, weniger einsame Esser.
• „Craving“: Die Gier bzw. Anfälle von Heißhunger nach bestimmten Nahrungsmitteln findet man häufig bei Frauen, besonders in bestimmten Phasen der Schwangerschaft oder in der letzten Woche der lutealen Phase des Menstruationszyklus. Die Form der Hyperphagie gehört zu den diagnostischen Kriterien eines prämenstruellen dysphorischen Syndroms, das gekennzeichnet ist durch eine ausgeprägte depressive Verstimmung, affektive Labilität, Reizbarkeit, Angst und das Gefühl des Überfordert-Seins.
• „Grazing“: Als „Grasen“ bezeichnet man eine Essstörung, bei der die betreffende Person über den Tag verteilt viele kleine Mahlzeiten zu sich nimmt, ohne Hungergefühle zu haben; auch bleibt das Gefühl einer Sättigung aus. Es wird angenommen, dass Frauen häufiger betroffen sind.
Ein entscheidender Faktor für menschliches Verhalten sind die Einstellungen oder überdauernden Motive.[2] Diese beeinflussen unsere Art des Fühlens, des Wahrnehmens und des Handelns. Einstellungen sind relativ dauerhaft, wertorientiert oder affektiv, d.h. sie bestimmen die Bewertung unserer Umwelt und variieren zwischen Individuen, Gruppen und Kulturen. Einstellungen sind nicht direkt beobachtbar, sondern nur aus gleichgerichtetem Verhalten erschließbar.
„Sich helfen lassen zu müssen“ heißt „sein Gesicht zu verlieren“
Solche Einstellungen sind ein weiterer wichtiger Faktor für die geringere Bereitschaft der Männer, sich überhaupt oder rechtzeitig in Therapie zu begeben. Sich in ärztliche Behandlung zu begeben, also Hilfe einzufordern, steht im Widerspruch zu dem typischen Männlichkeitsideal, welches durch Stärke, Autonomie, Kontrolle und Distanz gekennzeichnet ist. Diese Art der Demonstration von Männlichkeit ist aber weniger Ausdruck von echter innerer Stärke, sondern Zeichen eines eher fragilen Selbstwertgefühls und durch die Angst bedingt, kein richtiger Mann zu sein.[3] „Sich helfen lassen zu müssen“ heißt „sein Gesicht zu verlieren“. Kranksein allein ist schon eine narzisstische Kränkung, dann noch Hilfe zu brauchen ist eine weitere Beleidigung des Narzissmus. Diese Haltung trägt dazu bei, dass sich Männer gar nicht oder erst deutlich später als Frauen in Behandlung begeben.
Es ist aber klar, dass wir davon ausgehen müssen, dass Männer keine homogene Gruppe sind, sondern eine sehr heterogene und dass wahrscheinlich die Unterschiede im Verhalten (z.B. in Bezug auf Ernährung, Gesundheit) zwischen Männern aus verschiedenen sozioökonomischen Gesellschaftsschichten größer sind als die zwischen Männern und Frauen aus der gleichen Gesellschaftsschicht. Trotzdem gibt es bestimmte geschlechtstypische Verhaltensweisen, die bei Männern (genauso bei Frauen) gehäuft gefunden werden. Generell hat die Gesundheit bei Männern einen geringeren Stellenwert als bei Frauen.[4, 5]
Männer:
- pflegen eher ihr Auto als ihre Gesundheit
- haben eine eher instrumentelle Einstellung zum eigenen Körper (dieser wird fast ausschließlich als äußerlich erlebt)
- versuchen den Körper zu kontrollieren und zu beherrschen
- gehen seltener zu Vorsorgeuntersuchungen („Brauche ich nicht“)
- suchen erst dann einen Arzt auf, wenn sie ernstlich krank sind
- zeigen eine höhere Bereitschaft zu Risikoverhalten
- tun meist erst dann etwas für ihre Gesundheit, wenn sie aufgrund der körperlichen Störung in ihrer Funktionalität beeinträchtigt sind, z.B. deutlich verminderte Leistungsfähigkeit nach Myokardinfarkt, Erektionsstörungen bei Diabetes mellitus
Der Preis, den Männer für dieses Verhalten zahlen, ist hoch („Frauen werden krank, Männer sterben“). Die Unterschiede im Verhalten zwischen Männern und Frauen auf die Genetik zurückzuführen greift zu kurz, auch wenn dem Geschlechtshormon Testosteron eine Schlüsselrolle bei der Prägung des Verhaltens zukommt. Die genetischen Unterschiede zwischen den zwei Geschlechtern sind aber zu gering, sodass die bestehenden Unterschiede in Einstellung und Verhalten daher eher sozialen und Erziehungsfaktoren zuzuschreiben sind.[4] Trotz der gesellschaftlichen Veränderungen und der dadurch bedingten Annäherung der beiden Geschlechter unterscheiden sich die Erziehungsziele zwischen Buben (sollen autonom, stark, durchsetzungsfähig sein) und Mädchen (sollen brav, emotional, angepasst sein) noch immer.
Fazit
Da – wie erwähnt – Krankheit von vielen Männern als Makel, Niederlage, Schande erlebt wird, entziehen sie sich der professionellen Hilfe, auch weil sie Angst haben, vom Arzt zurechtgewiesen, d.h. auf Mängel, Fehlverhalten usw. hingewiesen zu werden. Um dieses Dilemma nicht noch mehr zu verstärken, ist es für Ärzte wichtig, besonders solche (männlichen) Patienten nicht zu gängeln oder als „defizitär“ zu sehen und zu behandeln. Dabei soll weniger darauf hingewiesen werden, was eventuell falsch gemacht wurde, sondern was sie noch besser machen könnten.
Referenzen:
[1] Kinzl JF, Kiefer I, Kunze M: Besessen vom Essen. Kneipp-Verlag, Leoben – Wien 2004
[2] Martens JU, Kuhl J: Die Kunst der Selbstmotivierung. Kohlhammer, Stuttgart 2004
[3] Schwanitz D: Männer. Eine Spezies wird besichtigt. Goldmann Verlag, München, 2003
[4] Volz R, Zulehner P: Männer in Bewegung. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2009
[5] Medla S: Genderspezifische Ernährungskommunikation. Diplomarbeit der Universität Wien, 2010

Autor: Univ.-Prof. Dr. Johann F. Kinzl, Interimistischer Direktor der Univ.-Klinik für Psychosomatische Medizin, Medizinische Universität Innsbruck, Anichstraße 35, Innsbruck, Tel.: 0512/504-23705, E-Mail: johann.kinzl@uki.at
Letztes Update:1 März, 2011 - 08:01





