Diabetologie

Bewegung und Sport bei Adipositas

Eine vom IMSB Austria ( www.imsb.at ) im Zeitraum 1980–2010 durchgeführte österreichweite anthropometrische Studie hat ergeben, dass sich der Körperfettanteil der österreichischen Bevölkerung im Schnitt alle 10 Jahre um ca. 2% erhöht. Besonders bemerkenswert war dabei die Entwicklung bei den Kindern. Vergleichsdaten aus den Jahren 2006 und 2010 zeigen, dass die Zahl der normalgewichtigen Kinder (Altersgruppe 10–12 Jahre) dramatisch zurückgegangen ist, die Zahl der übergewichtigen Kinder hin­gegen um rund 20% zugenommen hat und derzeit bereits bei ca. 45% liegt.

Ursachen für diese Entwicklung

Was sind nun die Ursachen für diese vor allem aus gesundheitlicher Sicht mehr als bedenkliche Entwicklung? Spontan wird zunächst immer die Ernährung als Ursache Nr. 1 genannt. Wir essen zu viel, wir essen zu fett und wir essen zu viel Junkfood, sind die häufigsten Aussagen. Zweifelsohne sind Hinweise auf die Ernährung bzw. eventuelle Ernährungsfehler berechtigt, sie lösen aber dennoch das Problem nicht. Denn der Auslöser für Übergewicht und in weiterer Folge Adipositas ist überwiegend das Missverhältnis zwischen Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch. Selbst die beste Ernährung schützt nicht vor Übergewicht, wenn sich die betreffende Person nicht ausreichend bewegt.

Den besten Beweis dafür lieferten Daten der medizinischen Aufnahmeuntersuchungen von Kindern, die in eine Sportmittelschule gehen wollten. 2010 lag das Verhältnis normalgewichtige/übergewichtige Kinder bei 5:1. Das heißt, jedes 5. Kind, welches in eine Sportmittelschule (!) gehen wollte, war übergewichtig. 2011 lag das Verhältnis sogar bereits bei 3:1 und bestätigte so den allgemeinen Trend in der Bevölkerung. Folgeuntersuchungen bei jenen Kindern, die in die Sportmittelschule aufgenommen wurden, zeigten ein Jahr später einen signifikanten Rückgang der Übergewichtigen auf 9:1. Die Zahl der übergewichtigen Kinder konnte praktisch gedrittelt werden. Ursache dafür war das tägliche Übungs- bzw. Sportangebot. Befragungen zeigten übrigens, dass sich im gleichen Zeitraum die Ernährungsgewohnheiten praktisch nicht verändert hatten.

Thema Bewegung wichtiger als je zuvor

Dem Thema Bewegung muss daher mehr als bisher Aufmerksamkeit geschenkt werden. Vorweg ergibt sich zunächst die Frage, was die Ursachen für diesen ekla­tanten Bewegungsmangel sind. Hauptursache ist zweifelsohne die zivilisationsbedingte Einschränkung des Bewegungsraumes der Kinder. Das früher so beliebte Spielen auf der Gasse oder das Nutzen der Natur als optimaler Spielplatz ist heute kaum mehr möglich. Auch die oft weit überzogene Angst der Eltern, dass ihren Kindern beim Spielen und Herumtollen etwas passieren könnte, spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aufklärung der Eltern ist mehr denn je gefordert, denn ein ausreichendes Maß an Bewegung im Kindesalter verhindert nicht nur Übergewicht, sondern sorgt für eine gesunde Reifung des menschlichen Organismus.

Eine im Zeitraum 1998–2002 durchgeführte wissenschaftliche Studie zur motorischen Entwicklung von Kindern in Kindergärten und Volksschulen hat gezeigt, dass nur mehr in wenigen Fällen eine altersadäquate motorische und koordinative Entwicklung gegeben war. So ergab etwa eine im Auftrag der NÖGKK durchgeführte Studie bei Kindergartenkindern in NÖ, dass 75,3% der Kleinkinder bereits große koordinative Mängel hatten, die nachweislich auf Bewegungsmangel zurückzuführen waren.

„bewegte kids“

Als Konsequenz daraus wurde ein Modell eines Bewegungskindergartens ent­wickelt, welches seit 2004 in einem Kindergarten in St. Veit/Glan umgesetzt wird. Im Mittelpunkt dieses Modells steht Bewegung, Bewegung, Bewegung. Eine über vier Jahre anberaumte wissenschaftliche Vergleichsstudie mit einem „normalen“ Kindergarten zeigte nicht nur große Unterschiede im Bewegungsverhalten auf, sondern auch, dass „bewegte“ Kinder gesünder, leistungsfähiger und kognitiv besser sind. Das Modell läuft unter dem Begriff „bewegte kids“ (www.bewegtekids.at) und wird bereits in zahlreichen Kindergärten in Österreich umgesetzt, in Vorarlberg sogar landesweit.

Auch die Schule darf in dem Bewegungskonzept nicht fehlen. Die vor einigen Jahren beschlossene Reduktion der Turnstunden in den Schulen kann nachträglich nur als Anschlag auf die Gesundheit der Kinder gewertet werden. Eine Reform bzw. Aufhebung des seinerzeitigen Beschlusses wäre aus gesundheitlicher Sicht dringend notwendig. Die Forderung nach der täglichen Bewegungsstunde ist mehr als berechtigt. Darüber hinaus ist wissenschaftlich auch belegt, dass „bewegte“ Kinder eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit aufweisen. Bewegung im Kindesalter fördert aber nicht nur die motorische und geistige Entwicklung der Kinder, sondern bewahrt sie auch vor zahlreichen Krankheiten, die nachweislich auf Bewegungsmangel zurückzuführen sind. Übergewicht und Adipositas gehören dazu.

Kinder können sich nie zu viel bewegen. Kinder besitzen im Gegensatz zu Erwachsenen eine perfekte Eigensteuerung. Ein Kind nimmt sich die Pause dann, wenn es sie benötigt. Erwachsene sollten daher möglichst wenig in dieses selbststeuernde System eingreifen.

Kinder lernen durch vielfältige Bewegungserfahrungen nicht nur, ihren Körper zu beherrschen, sondern legen damit auch die Grundlage für spätere Lebensqualität. Eine Studie mit Pensionisten zeigte, dass jene, die sich als Kinder aus­­­reichend bewegt hatten, im Alter leis­tungsfähiger und gesünder waren.

Und bei Erwachsenen?

Etwas anders ist die Situation bei übergewichtigen bzw. adipösen Erwachsenen. Sie haben neben dem Übergewicht häufig auch weitere gesundheitliche Prob­leme, die ärztlicher Betreuung und Behandlung bedürfen. Dies ändert aber nichts daran, dass auch Erwachsene über Bewegungstherapie nachhaltige Verbes­serungen erzielen können. Voraussetzung für den Start gezielter Bewegungsprogramme ist eine ärztliche Freigabe, die auf der Grundlage entsprechender Untersuchungen, der Erstellung von Risiko­profilen etc. erfolgt.

Die immer wieder gestellte Forderung „Den Alltag aktiv gestalten” ist grundsätzlich richtig, aber kaum wirklich motivierend. Bewegung soll auch Spaß machen, soll Lust erleben lassen und Freude am Erfolg. Wie soll das durch Stiegensteigen statt Aufzug funktionieren?!?

Hinzu kommt, dass gerade adipöse Personen oft größte Probleme schon bei ein­fachen Übungen wie Gehen, Walken, Radfahren etc. haben. „Mir fehlt die Kraft“ oder „Ich fühle mich zu unsicher“ sind häufig gemachte Aussagen. Vorrangiges Ziel muss daher sein, übergewichtige Personen zuallererst „trainierfähig“ zu machen.

Übergewichte Personen haben häufig eine mangelhaft ausgebildete Muskulatur, haben Probleme mit ihren Gelenken, sind bewegungsmäßig eingeschränkt etc. Diese Unsicherheit macht selbst einfachstes Ausdauertraining oft un­möglich.

Sinnvoll wäre daher, vor Beginn eines Bewegungstrainings neben den medizinischen Untersuchungen auch eine detaillierte Istzustandsanalyse aus sportmotorischer Sicht zu machen. Mit einfachen Tests kann man Stärken und Schwächen erkennen und so das Training wesentlich effizienter gestalten.

Oft ist bei adipösen Personen zunächst ein gezieltes Muskelaufbauprogramm notwendig, um die notwendigen Voraussetzungen für ein Ausdauertraining zu schaffen. Übungen mit dem eigenen Körpergewicht oder mit einfachen Sportgeräten (z.B. Theraband) können bereits in wenigen Wochen die Muskulatur so entwickeln, dass auch weitere Trainingsmaßnahmen gesetzt werden können. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, den Patienten darüber aufzuklären, dass es im Zuge des Krafttrainings zu einer Zunahme von Muskelmasse kommt. Dies kann mitunter auch zu einer Zunahme des Körpergewichts führen, die aber unbedenklich ist.

Individuelles Training

Auch das Ausdauertraining muss individuell festgelegt werden. Angaben wie „Gehen Sie regelmäßig walken oder laufen“ sind zwar richtig, aber nicht umsetzbar. Anweisungen für das Ausdauertraining müssen Intensität (z.B. Tempo oder Herzfrequenz) und Dauer beinhalten. Dazu bedarf es einer entsprechenden Belastungsuntersuchung im Vorfeld. Mithilfe einer Fahrradergometrie kann man nicht nur eventuelle Risikofaktoren erfassen, sondern neben der aktuellen Leistungsfähigkeit auch gleich wichtige Hinweise auf eine optimale Trainingsherzfrequenz geben. Die in der Literatur angeführten HF-Formeln zur Steuerung des Ausdauertrainings sind gerade bei adipösen Personen nicht anwendbar.

Nicht zuletzt sollen auch die Bereiche Beweglichkeit und Koordination im Adipositas-Trainingsprogramm nicht fehlen. Sie schaffen nicht nur die erforderlichen Voraussetzungen, um überhaupt bestimmte Übungen durchführen zu können, sondern sind vor allem auch der Schlüssel zu Erfolgserlebnissen.

Zusammengefasst

Übergewicht und Adipositas können durch gezielte Bewegungsprogramme nachhaltig vermieden bzw. bekämpft werden. Diese Programme müssen aber altersstufengerecht und vor allem bei Erwachsenen und Senioren auf die aktuelle Leistungsfähigkeit genau abgestimmt sein. Nur so können eventuelle Probleme, aber vor allem auch Misserfolge vermieden werden. Die Reduktion des Körpergewichts bzw. des Körperfettanteils ist zweifelsohne ein wichtiges Ziel, aber vorrangig sollte es um Lebensqualität gehen. Und Lebensqualität ist das Produkt aus Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.

Literatur beim Verfasser



Autor:
Prof. Hans Holdhaus
IMSB Austria/Olympiazentrum Südstadt
www.imsb.at

Quelle: 11. Jahrestagung der ÖAG, 29.–30. Oktober 2010, Schloss Seggau

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Letztes Update:28 November, 2011 - 11:12